Das Passionsspielhaus Selzach 

Im kommenden Jahr feiern wir mit der Sommeroper Selzach im Passionsspielhaus ein ganz besonderes Jubiläum, 30 Jahre Oper im Passionsspielhaus! Wer hätte das damals gedacht, als die wackeren Recken René Kunz, Hansjörg Hack, Oskar Fluri und Franz Aebi sich daran gemacht hatten, das Passionsspielhaus in Selzach aus dem Dornröschenschlaf zu wecken und mit «Die Zauberflöte» wieder Leben in die ehrwürdige Scheune zu bringen?

Erinnern wir uns an die Passionsgeschichte des Dorfes am Jurasüdfuss. Da gab es einen Industriellen, der eines schönen Tages in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einem Eisenbahncoupé einen Deutschen kennen lernte, der ihm von den Passionsspielen in Oberammergau vorschwärmte. Und so machte sich der Uhrenfabrikant Adolf Schläfli anscheinend auf Anraten von Richard Wagner auf nach Oberammergau, das verträumte Dorf in den deutschen Alpen. Dort spielte und spielt man seit 1633 der Passion (so heisst das dort wirklich), weil man von der Pest verschont geblieben war. Die Bürger hatten gelobt, das nun alle zehn Jahre zu tun. Das nächste Mal wird das voraussichtlich 2020 sein, inzwischen die 42. Passionsspiele.

Von den Aufführungen auf einer kleinen Bühne auf dem Kirchfriedhof über den Gräbern von frischen Pesttoten ist man inzwischen umgezogen in ein riesiges Theater mit rund 4.500 Zuschauerplätzen, wobei die 32-Meter-breite Bühne eigentlich im Freien steht. Alle zehn Jahre spielen sie dort. Aber es gibt auch in der Zwischenzeit keine Gemeinderatssitzung, bei der nicht der Passion ein Thema ist. Anfangs spielte man lebende Bilder aus dem Neuen Testament. Nach und nach kamen dann Dialogtexte und Musik dazu. Und nur gebürtige Oberammergauer bzw. 20-Jahre-dort-Lebende durften und dürfen mitspielen. Das englische Reiseunternehmen Thomas Cook entdeckte Ort und Passion für seine Touristen im 19. Jahrhundert, die Zahl der Zuschauer nahm zu, das Theater musste gebaut werden, und der Rummel wurde immer grösser. Das Prinzip der lebenden Bilder aus dem alten Testament besteht noch immer. Sie bilden jeweils den Auftakt zu einer Szene der Passionsgeschichte. Und wenn dann zu Beginn der Einzug in Jerusalem startet, kommen rund 250 Personen im Kostüm auf die Bühne und jubeln «Hosianna!». Zum grossen Verhör bei Pilatus sind es dann annähernd 400 Menschen, die «Kreuzige ihn!» von Pilatus fordern.

Doch auch schon im 19. Jahrhundert war das Spiel beeindruckend. Und Adolf Schläfli wollte das bei sich zu Hause auch haben. Im Gasthof «Zum Kreuz» in Selzach gab es ein Spiel mit lebenden Bildern und Musik. 1895 wurde dann das Passionsspielhaus eingeweiht und erstmals bespielt. Und es gibt Teile im Theater, die direkt von dem grossen Vorbild in Oberammergau übernommen und imitiert sind. Auch in Selzach spielten fast ausschliesslich die Einwohner des Dorfes. Und man erkannte die Selzacher im ganzen Land, die Männer hatten alle lange Haare und lange Bärte. Der sogenannte «Barterlass» in Oberammergau wird zu Aschermittwoch im Vorjahr der Spiele verlesen. Die Selzacher spielten jedoch nicht nur alle zehn Jahre und waren demnach länger mit langen Haaren unterwegs. Im Oberammergau wird fünfmal in der Woche gespielt, in Selzach wurde nur an den Wochenenden aufgeführt: vormittags das alte Testament, nach dem Essen das Neue. Da es aber immer wieder zu längeren Unterbrechungen bzw. Spielpausen gekommen war, kam man in Selzach insgesamt nur auf 12 Produktionen zwischen 1895 und 1952. Die letzten, modernisierten Fassungen mit der «Passion 70» und «Passion 72» endeten sehr rasch im finanziellen Desaster. Insgesamt waren es über die Jahre verteilt ungefähr 280 Aufführungen.

Das Passionsspielhaus steht unter Denkmalschutz. Es handelt sich bei diesem Gebäude um eine Holzkonstruktion, welche in dieser Art als einzigartig bezeichnet werden kann. Das sichtbare Fachwerk der Dachkonstruktion ist von der Konstruktion her ein Pionierwerk. Fachhochschulen finden mit ihren Studenten den Weg nach Selzach, um dieses Werk zu besichtigen und zu studieren. Die Eigenheit des Saales besteht auch im scheunen-ähnlichen Charakter des Raumes. Es finden rund 700 Zuschauer Platz. Die Akustik des Raumes ist ausgezeichnet. Sowohl die Schallausbreitung als auch die Nachhallzeiten sind ideal für das Musiktheater. Die ungewöhnlich grosse Vorbühne vermittelt den Besuchern eine spezielle Nähe zum Bühnengeschehen.

Die Spielzeit des Hauses ist auf die Sommermonate beschränkt, da das Gebäude nicht beheizt werden kann. Seit 1989 werden auf der Bühne jeweils Opernproduktionen aufgeführt. Die aufwändigen Bühnenbilder, die wirkungsvolle Ausstattung, schöne Inszenierungen und die wunderbare Musik sorgen für breite Zustimmung bei der Bevölkerung und für sehr gut besuchte Vorstellungen.

 

 


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